Zugegeben, wer lässt sich nicht gern nachsagen, dass er diszipliniert, gewissenhaft und perfektionistisch sei? Das Klischee der deutschen Tugenden scheint in der Tat auf viele Bundesbürger zuzutreffen, folgt man den Forschungsergebnissen der Psychologin Dr. Christine Altstötter-Gleich von der Universität Lindau. Jeder fünfte Deutsche hält sich für einen Perfektionisten, so die Expertin.
Und damit tut er sich keineswegs einen Gefallen. In der Sucht nach dem perfekten Arbeitsergebnis, der perfekten Note, dem perfekten Urlaub oder dem perfekten Fußballspiel setzen sich die Betroffenen derart unter Druck, dass sie auf Dauer davon krank werden. Bluthochdruck, Ess-Störungen, Depressionen und Sexualprobleme sind nur ein paar der dadurch ausgelösten Probleme. Perfektionisten werden zudem häufiger von Herzinfarkten und dem Burn-Out-Syndrom heimgesucht.
Ursache für krankhaften Perfektionismus ist laut Expertin zuviel Kritik. Wer in seinem Leben von klein auf überwiegend auf seine Fehler aufmerksam gemacht wurde, verinnerlicht das Gefühl, nichts gut genug machen zu können. Folge ist ein überkritischer Blick auf das eigene Tun. Was dabei übersehen wird, sind die Errungenschaften und Erfolge. Perfektionisten sind sich oft Selbst die größten Kritiker.
In leichten Fälle kann es helfen, sich mit einigen psychologischen Tricks der Devise "Nobody is perfect" anzunähern: Setzen Sie sich realistische Ziele. Gönnen Sie sich regelmäßig eine Belohnung. Nehmen Sie Kritik nicht persönlich. Gehen Sie in angespannten Momenten auf Distanz zu sich selbst und betrachten sich 'von außen'. Chronischen Perfektionisten an der Grenze zur Zwanghaftigkeit kann hingegen oft nur noch eine professionelle Therapie helfen.
Eines ist klar: Perfektionisten werden von früher Kindheit an 'programmiert'. Dies bringt für Eltern eine immense Verantwortung mit sich. Kinder müssen lernen, sich selbst realistisch einschätzen zu können. Dazu müssen sie möglichst vielseitig gefördert werden. Wer dabei Leistungsdruck aufbaut und durch Kritik Erfolge erzwingen möchte, fördert allenfalls Frusterlebnisse. Kinder brauchen hier vor allem Unterstützung – und viel Lob.